Karate als Selbstverteidigung

Aus der Geschichte dieser Kampfkunst ergibt sich ein Aspekt, der auch im modernen Sport-Karate noch gepflegt wird, obwohl er für die Laien nicht leicht zu erkennen ist: Karate als die Kunst der Selbstverteidigung!

Die "Väter" des Karate gingen stets davon aus, dass der Angreifer stärker ist als der Verteidiger – weil Ersterer entweder bewaffnet, in der Überzahl oder physisch überlegen war.

Aus dieser Annahme ergaben sich eine Reihe von Folgerungen, welche wiederum in die Techniken direkt eingebaut wurden:

Der Angreifer darf nur die Chance zu einer einzigen Bewegung haben; alles weitere Geschehen muss dann von dem Verteidiger bestimmt werden! Die Hand- und Fußtechniken zur Abwehr mussten demzufolge stets einsetzbar, direkt, stark, vielseitig und gleichzeitig kontrollierbar sein.

Stärke und Wucht ergaben sich aus einem cleveren Wechsel von An- und Entspannung; der Karateka ist immer entspannt… mit Ausnahme des kurzen Moments des Körperkontaktes, dem "Einschlagens" der Technik; tatsächlich werden auf diese Weise beide Energieanwendungen des menschlichen Körpers, den über die Atmung (aerobe Energie) und die des direkten Zucker- Fett- und Eiweißverbrennens (anaerobe Energie) gleichzeitig verwandt und geschult… was für eine Sportart selten ist!

Die Direktheit der Techniken ergab sich aus der Bevorzugung der Geraden  als kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten (Faust und Kopf z.B.). Dies blieb auch so, als Hand- und Fußschläge durch Ausnutzen der Schnappbewegung in den Scharniergelenken entwickelt wurden. Karate hat etwas stilisiertes, schnörkelloses an sich; für ein "Posieren", ein Hin- und Herpendeln hat der Karateka keine Zeit!

Die Vielseitigkeit ergibt sich aus der ersten Forderung nach Unverzüglichkeit: jede Bewegung, jede Technik im Karate erhebt den Anspruch, für Abwehr und Angriff gleichermaßen, ja gleichzeitig anwendbar zu sein; so kann z.B. der Unterarm, der die angreifende Faust blockt, gleichzeitig den Hals oder Kopf des Angreifers treffen!

Auch die Kontrollierbarkeit der Technik ergab sich zunächst aus einer Notwendigkeit: da die gedachten Angreifer Samurai waren und diese durchaus in der Lage waren, Bewegungsabläufe zu erkennen und diesen oft zuvorzukommen, musste der Verteidiger in jedem Moment in der Lage sein, die eigene Bewegung abzubrechen und flexibel zu anderen Bewegungen überzugehen. Diese Kontrollierbarkeit ist heute das höchste Gut im Sport-Karate denn sonst wäre ein Zweikampf mit dermaßen effektiven Techniken ohne Verletzungsgefahr nicht möglich! Weshalb eine Reihe von sehr wirksamen Techniken auch nicht im Wettkampf (Kumite) erlaubt sind: sie sind zu schlecht zu kontrollieren oder ihr Ziel anzugreifen ist überhaupt verboten.

Außer in besonderen Trainingseinheiten übt heute der Karateka Selbstverteidigung in der Kata, insbesondere in der Bunkai-Kata.

Der ernste Hintergrund des Karate als eine Überlebensmöglichkeit prägte auch die innere Einstellung des Karateka, für den jeder vermiedene Kampf (auf der Straße) ein gewonnener Kampf bedeutet:

"Karate macht nie die erste Bewegung!" (Gichin Funakoshi).