Die Gruß-Etikette im Karate-Dojo

Jeder, der sich irgendwann entschlossen hat, mit dem Karate-Training zu beginnen, merkt es schnell: Die Praxis beschränkt sich keineswegs auf die Vermittelung motorischer Fertigkeiten, den Interessenten erwarten darüber hinaus zahlreiche Verhaltensregeln.

Einen festen Bestandteil dieser Etikette stellt der formale Gruß im Stehen oder im Sitzen dar, der sich durch eine Verbeugung äußert.

Die erste Verbeugung wird dem Karateka bereits abverlangt, sobald er den Übungsraum betritt bzw. später wieder verlässt. Die Übenden kommen diesem Anspruch in der Regel auch anstandslos nach, doch sind sich viele über den Sinn dieser Verbeugung nicht im Klaren.

In den japanischen Kampfkünsten erfolgt keine Trennung von Körper und Geist, es geht nicht darum, einfach "Sport" zu treiben. Die Schulung des Körpers erfolgt stets parallel zur Ausbildung des Geistes, und dies im Karate auf eine sehr intensive Art und Weise. Der Karateka sucht im Training nicht nur die Auseinandersetzung mit einem möglichen Gegner, sondern auch mit seinen persönlichen Schwächen. Diese ständige Auseinandersetzung kann den Trainierenden durchaus an seine physischen und psychischen Grenzen bringen, um sich so die Grundlagen zu erarbeiten, irgendwann diese Grenzen – oftmals unbewusst - überschreiten zu können.

Das Training im Karate sollte immer die Person als Ganzes einschließen, sollte die  Persönlichkeit schulen und prägen.

Dieses höchst intensive Arbeiten an sich selbst findet im Dojo statt, wobei es keine Rolle spielt, ob es sich um einen speziellen Raum, eine alte Turnhalle oder eine Übungsfläche im Freien handelt. Es ist der Geist, mit dem geübt wird, der aus einem Raum ein Dojo (Do = der Weg, Jo = der Ort) entstehen lässt. Man trainiert, um die Voraussetzungen zu verbessern, seinen persönlichen Lebensweg zu gehen.

Das Dojo stellt also einen ganz besonderen Ort dar. Dies wird im Karate verdeutlicht, in dem man nicht einfach in den Raum hinein läuft und mit dem Training beginnt. Der Karateka verharrt an der Tür, um sich selbst Zeit zu geben, sich in Erinnerung zu rufen, um welchen Raum es sich handelt und welche Erwartungshaltung mit dem Betreten des Dojo verbunden ist. Mit einer würdevollen, jedoch keinesfalls theatralischen Verbeugung bringt er das Verständnis und seine Akzeptanz zum Ausdruck.

Die nächste Grußzeremonie findet zu Beginn des eigentlichen Unterrichts statt. Die Aktiven nehmen in der Reihenfolge ihrer Graduierungen vor dem Lehrer Aufstellung und knien auf das Kommando "Seiza" (Niederknien) ab. Nun erfolgt das Kommando "Mokuso", nach dem die Karateka die Augen schließen und eine kurzzeitige Phase der Konzentration durchlaufen.

Die Bedeutung dieser Phase sollte nicht unterschätzt werden. Sie hilft dem Übenden, vom Alltag abzuschalten und sich auf das kommende Training zu konzentrieren. All die – sicherlich wichtigen – Probleme und Belastungen des täglichen Lebens sollen außerhalb des Dojo gelassen werden. Im Dojo sollen die Kräfte gesammelt werden, um diesem Problemen gestärkt entgegentreten zu können. Karate ist keine Spielsportart. Unkonzentrierte Trainingspartner könnten andere verletzen oder durch Unachtsamkeit selbst verletzt werden. Auch ist für das Erlernen komplexer Bewegungsformen ein hohes Maß an Konzentration notwendig.

Deshalb sollte die "Mokuso-Phase" zu Beginn des Trainings nicht auf ein Sekunden dauerndes "Augen zu – Augen auf" reduziert werden. Wer dieses Ritual für überflüssig hält, sollte es ganz weglassen.

Mit dem Kommando "Mokuso Yame" (Yame = Halt) endet diese Phase. Auf das nächste Kommando "Rei" grüßen sich Lehrer und Schüler gegenseitig. Auch hier wird mit der Verbeugung deutlich mehr ausgedrückt, als sich gegenseitig zu begrüßen. Der Lehrer symbolisiert mit dem Gruß seine Bereitschaft, sich größte Mühe zu geben, sein Wissen und Können an die Schüler weiterzugeben. Er kümmert sich um seine Schüler, ist an deren positiver Entwicklung interessiert und ist bereit, seinen Teil dazu beizutragen.

Der Schüler grüßt seinerseits mit dem Willen, hart und konzentriert zu trainieren. Er hat die feste Absicht, ein guter, verantwortungsvoller Trainingspartner und ein gelehriger Schüler zu sein.

Lehrer und Schüler drücken mit der Verbeugung aus, dass es für alle Beteiligten ein gutes Training werden soll.

Die Phase des Mokuso wiederholt sich am Ende des Unterrichts. Nach einem vielleicht sehr anstrengenden Training hat der Karateka die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen und sich von möglicher Aufregung und Anspannung zu befreien. Es soll ruhig atmend und ausgeglichen zurück in den Alltag kehren.

Den Abschluss des Unterrichts bildet erneut eine Verbeugung im Knien. Der Lehrer bedankt sich auf diese Weise für den Einsatz und das Interesse seiner Schüler, während diese sich für das Training bedanken.

Verbeugungen oder Grußrituale im Karate sind nie Selbstzweck oder lediglich Traditionen einer anderen Kultur. Auch wird niemandem gehuldigt oder Unterwerfung dargestellt. Verbeugungen in den Kampfkünsten sind Ausdruck von Höflichkeit und das Verständnis, auch ohne Worte viel ausdrücken zu können.